Was Zeitungen und Magazine von der Warenhaus-Krise lernen können

Viel wird gerade diskutiert über das Ende des Warenhauses. Zu Reht. Karstadt & Co. haben sich selbst überlebt. Sie bieten von allem ein bisschen: ein bisschen Mode, ein bisschen Haushaltszubehör, ein bisschen Elektronik und ein bisschen den Charme, der mich immer an meine Oma erinnert. Vor allem aber haben sich die Karstadt-Häuser seit Jahren nicht verändert, es wurde lediglich an Personal, Ausstattung und Ideen gespart. Wer wirklich Mode sucht, geht zu H&M, Zara oder Boss. Wer Computerzubehör braucht, findet mehr bei Saturn und Haushaltszubehör bestellen viele nur noch im Internet. Das Problem der Warenhäuser ist vor allem die Ausdifferenzierung von Geschmäckern und Vorlieben und zugleich die Möglichkeit, dass Menschen ihre individuellen Wünsche heute mehr denn je erfüllen können. Denn Durchschnitt will keiner mehr sein.

Und genau das wird auch zu einem Problem für Zeitungen und Magazine, gerade jetzt. Quer durch die Medienlandschaft werden Umfänge reduziert, Redakteure entlassen, Freie vor die Tür gesetzt. Magazine wie Time und Newsweek sind nur noch der Schatten ihrer Selbst, nicht viel dicker, als Telekom-Postwurfsendungen. Die einst so stolzen Publikationen sind so etwas wie die Warenhäuser der Medienlandschaft: Ein bisschen Irak, ein bisschen Finanzkrise, ein bisschen Gossip – ein möglichst durchschnittliches Angebot, damit sich die verbliebenen Leser noch dafür interessieren. Doch immer mehr fragen sich, weshalb sie dafür noch Geld ausgeben sollen. Denn wer sich mit einem der Themen zufällig besser auskennt, ist oft entsetzt ob der oberflächlichen Berichterstattung. Wer es genauer wissen will, oder gar überraschende Denkanstöße sucht, muss oft ins Internet ausweichen. Denn die Tageszeitungen in den USA fahren längst nur noch Notbetrieb.

Auch in Deutschland tappen Medien in die Warenhaus-Falle: Die Hefte werden dünner, das Themenangebot eingeschränkt. Meine Prognose: In zehn Jahren werden wir uns an diese Entscheidungen erinnern und sie als Ursache für eine Neuordnung der Medienlandschaft identifizieren. Kenner der Szene erwarten, dass Magazine schon in absehbarer Zeit keine Millionenauflage mehr erzielen werden. Und das muss gar nicht einmal eine schlechte Nachricht sein.

Nun bin ich alles andere als ein Print-Untergangsprophet. Wir werden immer Magazine haben und die werden auch noch sehr lange auf Papier erscheinen. Doch die Magazine werden sich verändern. Der Erfolg von Neon, Brandeins, Landlust, Geo, Monopol und Cicero zeigt, dass künftig vor allem Nischenprodukte mit einem eigenen Thema wachsen werden. Kleine Magazine, denen es gelingt, ihre Leser zu einem Fan ihrer Marke zu machen, weil sie mit ihren Themen, ihrer Sprache und ihrer Optik eine besondere Lesergruppe ansprechen. Und deren Leser eine genaue Antwort auf die Frage haben, weshalb sie das Magazin lesen.

Übrigens starteten viele neuen Magazine zwischen 2002 und 2003, tief im Tal nach dem Absturz der New Economy. Das belegt, dass Krisen nicht nur Personal freisetzen, sondern möglicherweise auch Kreativität. Die Krise der großen Medien könnte sich also als Chance für die Kleinen herausstellen.

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2 Antworten zu “Was Zeitungen und Magazine von der Warenhaus-Krise lernen können

  1. Obwohl ich der Kernaussage dieses Beitrags zustimme, hinkt der Vergleich mit den Kaufhäusern doch ein wenig. Im Gegensatz zu Arcandor geht es den deutschen Medienhäusern gut – die meisten Verlage verdienen nur nicht mehr so viel wie noch vor einigen Jahren. Grund Genug für viele Verleger dies zu beklagen. Bei Arcandor hingegen sind die Zahlen tiefrot. Das Management – allen voran Thomas Middelhoff – hat die Probleme der Kaufhauskette selbst verursacht. Parallelen von Arcandor zu deutschen Medienlandschaft gibt es nicht – noch nicht.

  2. Schicht, aber korrekt: So wünsche ich mir Analysen. Ich werde sie deshalb 10 Jahre aufheben, weil Sie wahrscheinlich Recht behalten werden.

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